Industrie- und Handelskammer im Bergisches Städtedreieck: Drei Stichworte für die Zukunft

30.01.2018

Ganze 40 Minuten ließ der Minister die über 1.000 Gäste im Großen Saal der Historischen Stadthalle Wuppertal warten – was jedoch ebenso charmant wie schwungvoll von dem „Allstars Quarett“ mit Jea Assiamah überbrückt wurde. Quasi als Ausgleich wollte Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, dann auch gar nicht mehr lange reden, was seinem Vortrag nicht schadete. Im Gegenteil: Nach der langen Rede von Kammerpräsident Thomas Meyer konnte er mit präzisen Thesen punkten. Die sind zum Teil freilich erst einmal Versprechungen der neuen Landesregierung, die noch umgesetzt werden müssen. Aber sie stimmten durchaus positiv.

Pinkwart konzentrierte sich auf die Bereiche Digitalisierung und Globalisierung und streifte zum Schluss noch kurz die Energie – um die Frage zu beantworten, wie Deutschland und Nordrhein-Westfalen in diesem Sinne aufgestellt sind. Stichwort Globalisierung: Die Weltwirtschaft wachse weltweit, wenn auch nicht überall natürlich, was man stets beachten müsse, so der Minister. So sei die Steuerreform in den USA zum Beispiel „auf Pump“ finanziert. Dennoch oder auch gerade deshalb sind die Zeiten derzeit (noch) sehr gut – und das sollte man jetzt nutzen, denn auch andere würden nicht schlafen. Damit meint Pinkwart unter anderem die Chinesen, die schon lange das reine Billiggeschäft zugunsten guter Qualität hinter sich gelassen hätten. Zudem habe China viele „gute, hungrige Leute“.

Stichwort Digitalisierung: Auch sie wächst, jedoch nicht linear, sondern das Wissen wächst extrem schnell, was die Digitalisierung nicht nur für Pinkwart so schwer einschätzbar mache. Noch stünden wir an dem Punkt, wo sich die Maschinen mit uns unterhalten, um zu lernen. Doch was ist, wenn sie den Menschen nicht mehr benötigen?

Ein weiteres Problem sei, das die Digitalisierung Prozesse beschleunige und auch die Anforderungen höher werden – die Menschen aber immer älter werden. Deshalb ruft Pinkwart dazu auf, dass auch eine alternde Gesellschaft interessiert und neugierig bleiben müsse, denn (siehe oben): Andere Länder haben die jungen, dynamischen Fachkräfte, die das ausstrahlen, zuhauf. Pinkwart gelang dabei auch der Schlenker ins Bergische Land, welches als Erfinder der industriellen Revolution, als Heimstätte innovativer Gründer wie Friedrich Bayer und noch heute eloquenter Unternehmen wie Vorwerk, die sich der Digitalisierung stellen würden, gute Vorbilder habe.

Denn in der Digitalisierung sieht er auch heute große Chancen für Gründer, die die Ideen haben, „die wir heute noch nicht sehen“. Nebenbei merkte der Minister an, dass man mit jenen auch gut kooperieren könne – oder junge Unternehmen übernehmen könne, was auch für etwas schwerfälligere Unternehmen eine große Chance böte. Um genau diese Gründer zu haben, könne auch das Land etwas tun, nämlich in Bildung und Forschung investieren, so Pinkwart. Dazu gehöre, mehr Lehrer einzustellen und die Inklusion noch einmal neu anzugehen. Als gutes Beispiel für „Bildung von Anfang an“ nannte er die Junior-Uni in Wuppertal.

Für das Land wünscht er sich eine Sprachförderung bereits für Vierjährige, um allen Kindern die gleichen Startbedingungen bieten zu können. Daneben müsse auch in Berufsschulen und Universitäten investiert werden, vor allem in Sachen Ausstattung. Zwischen Ausbildung und Studium will Pinkwart keine Unterschiede machen,  weil ein Land beides brauche; im Gegenteil müssten beide Bereiche viel durchlässiger werden. So dürften Wechsler von der Uni in eine Ausbildung nicht länger Studienabbrecher genannt werden. Und auch der Weg von der Ausbildung ins Studium müsse erleichtert werden.

Mit Blick auf die Digitalisierung müsse vor allem die Praxis im Studium mehr Raum bekommen. Zudem plädiert er dafür, dass auch junge Menschen, die gerade erst ihre Ausbildung abgeschlossen haben, als Gründer ernst genommen werden sollten. Die Wege in die Selbstständigkeit müssten im Land und bei den Kommunen jedoch einfacher werden – was ebenfalls nur Digitalisierung bedeuten könne. Und damit meine er nicht, analoge Inhalte als PDF auf eine Internetseite zu setzen. „Das ist keine Digitalisierung“, betonte der Redner. Wie die „echte“ Digitalisierung aussehen könne, sollte man sich ruhig bei anderen abschauen. Er hat das zuletzt in Estland gemacht, wo über 90 Prozent der Anliegen von Bürgern digital erledigt werden könnten. Für Deutschland und NRW bedeute das, grundlegend über Verfahren nachzudenken, Prozesse gemeinsam zu hinterfragen und zu prüfen, ob man sie nicht ändern oder vielleicht auch in einigen Fällen ganz abschaffen könne. Das gelte auch für Genehmigungsverfahren, die viel zu lange dauern würden. In andern Ländern seien sie schneller – und dabei würde das EU-Recht auch eingehalten, was in Deutschland oftmals als Ausrede für die Langsamkeit angeführt würde. Solange die Zeiten noch gut seien, müssen Investitionen einfach, schnell und rechtssicher getätigt werden können, so Pinkwarts Mahnung. Dafür müsse aber auch der Breitbandausbau vorangetrieben, „das Kupfer-Zeitalter hinter uns gelassen“ und auf Glasfaser gesetzt werden. „Alles andere wäre sehr kurzsichtig, gerade auch von Unternehmen, wenn sie auf preiswerte alte Anschlüsse setzen.“ Damit knüpfte Pinkwart an den Appell Meyers an, die derzeit gemachten Angebote wie in Solingen nun auch zu nutzen.

Stichwort Energie: Pinkwart sieht Deutschland nach Dänemark als Spitzenreiter, was die Kosten für Energie betrifft. Das sei auch auf die Subvention der Kohle zurückzuführen. Aber genau damit könne die Energiewende nicht funktionieren. So sei es Aufgabe des Bundes, unter anderem für stabile Netze zu sorgen und weniger zu subventionieren. Aber – und auch da sei das bergische Städtedreieck auf einem guten Weg, betonte Pinkwart mit Blick auf den IHK-Vizepräsidenten Jörg Heynckes – es könnte mehr Photovoltaikanlagen geben, deren Betreiber den Strom direkt nutzen, und damit unabhängig von öffentlichen Netzen wären. Um das Mehr zu erreichen, soll seiner Meinung nach dann auch das Denkmalschutz-Gesetz soweit gelockert werden, dass auf historischen Häusern Anlagen genehmigungsfähig seien.

Silke Nasemann

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