Zukunftssalon Automotive: Von Plattformen und excel

04.01.2018

Der inzwischen sechste Zukunftssalon Automotive der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft stand unter dem Titel „Wandel der Automobilindustrie: Chance für neue Player“. Was genau damit gemeint ist, sollten Dirk Althaus vom Institut für Qualitäts- und Zuverlässigkeitsmanagement (IQZ) und Thomas Golatta von der Netzkern AG, beide aus Wuppertal, erklären. Zur Diskussion stellte sich am Ende noch Hanno Gottschalk, Professor für Angewandte Mathematik und Stochastik an der Bergischen Universität Wuppertal.

Vor allem Althaus machte zuerst einmal darauf aufmerksam, was man im Blick haben muss, wenn man in Zukunft gerade auch als bergischer Automobilzulieferer mithalten will: die Sozialen Medien. Denn nirgends verbreite sich eine Nachricht heute schneller als dort, vor allem wenn etwas passiert ist, es um mögliche Rückrufe gehe. „Diesem Markt kann man sich nicht mehr verschließen“, so Althaus‘ dringliche Mahnung.

Ähnlich sehe es auch innerhalb der eigenen Branche aus, denn immer mehr Firmen, die eigentlich in anderen Bereichen unterwegs gewesen seien, erschließen sich neue Märkte – auch den der Mobilität. Das müsse
man ebenfalls beachten – und beobachten, wenn man am Ende nicht von neuer Konkurrenz überrascht werden wolle. Was er damit meint, machte sein Nachredner Thomas Golatta schnell deutlich. Denn sein Unternehmen ist genau so eines: Ursprünglich wurde Netzkern als Agentur für digitale Dienstleistungen gegründet, die sich zum Beispiel um die Internetseiten von Unternehmen kümmert. Doch daraus wurde schnell mehr, was Golatta viele Einblicke bietet.

Wie die Automobilindustrie zum Teil schon überholt werde, machte Golatta an einem einfachen Beispiel deutlich: „Ein chinesisches Handy kann heute zum Teil mehr als ein Navigationsgerät in einem deutschen Auto.“ Warum das so ist, ist für den Wuppertaler auch klar: Mobilitätsanbieter fragen immer erst danach, was die Kunden wollen – anders können sie ihre Dienstleistungen gar nicht verkaufen.

Das muss die gute, alte, deutsche Industrie erst noch lernen. Denn wollen Kunden tatsächlich auch in Zukunft noch sieben Monate auf ihr neues Fahrzeug warten? Würde sich die deutsche Fertigungskompetenz mit Startups und „Tech Playern“ zusammentun, die mehr auf den Markt hören und sich ihm auch schneller anpassen als die klassische Industrie, wäre man schon ein Stück weiter, so Golatta. Denn die Start-Up-Szene habe ein ganz eigenes Ökosystem geschaffen, zum Beispiel digitale Plattformen wie „Startnext“, um ihre neuen Ideen auch finanzieren zu können. Die Automobil-Branche schien für viele Gründer nach Ansicht Golattas zunächst als große Hürde – bis Uber kam und einfach eine soziale Plattform auf die Mobilität übertragen hat. Uber kommt aus dem Silicon Valley und versteht sich als Technologieunternehmen. Angeboten wird vor allem eine Applikation für Smartphones (App), mit deren Hilfe man einen Fahrer mit Wagen bestellen kann, der einen wie ein Taxi von A nach B befördert. Dabei verzichtet das Unternehmen jedoch völlig auf eigene Fahrer und Fahrzeuge und verdient lediglich einen gewissen Prozentsatz am Fahrpreis. Golattas Prognose: „Uber wird viel verdienen, wenn der Fahrer wegfällt.“ Das würden sich auch viele Investoren denken, die sehr viel Geld in das Unternehmen pumpen.

Wie Uber schauen auch andere Start-ups, in welchen Branchen man gutes Geld verdienen kann. Das seien vor allem der Finanzsektor und eben der Bereich Automotive, so Golatta. So investierten die Geldgeber in den USA fast 50 Prozent ihres Kapitals zwischen 2011 und 2016 in Unternehmensgründungen, die sich mit dem Thema Mobilität beschäftigen würden. Das sehe in Deutschland ähnlich aus.

Doch worum geht es dabei? Das können zum Beispiel Plattformen sein, über die man einen Mitfahrer sucht, der anhand von Bewegungsdaten ermittelt wird. Fahren X und Y zum Beispiel jeden Tag zur gleichen Zeit die gleiche Strecke zur Arbeit und wieder nach Hause, arbeiten aber in benachbarten Unternehmen, kennen sie sich meist nicht. Eine Applikation könnte sie aber zusammenführen. Andere Varianten sind Unternehmen, die Plattformen für andere erstellen, die solche Dienste anbieten möchten. Aber auch über Dienstleitungen hinaus gibt es viele Bereiche, in denen sich Jungunternehmen tummeln, etwa in Sachen Radar und Störungen, die beim Autonomen Fahren wichtig werden.

Aber wie überträgt man das nun auf bergische Industrieunternehmen? Auch dafür hat Golatta ein Beispiel: Vorwerk als ebenfalls bergisches Unternehmen baut schon lange nicht mehr nur Haushaltsgeräte und bietet sie auf verschiedenen Vertriebswegen an, sondern hat vor allem rund um den Thermomix zahlreiche Plattformen entwickelt, die weit über den Verkauf hinausgehen.

Dabei habe man sich ebenfalls an dem orientiert, was die Kunden wollen, zum Beispiel neben der Küchenmaschine auch gleich Rezepte. Wer Hilfe beim Kochen benötigt, bekommt sie über die Online-Plattform – und wer will, die Zutaten gleich dazu, die online bestellt und dann geliefert werden können; alles bequem von der heimischen Küche aus.

Mit anderen Worten: „Investieren Sie in Plattformen“, so Golatta. „Wenn Menschen weiterhin im Mittelpunkt stehen, werden Produkte auch erfolgreich sein.“ Und erreichen kann man sie heute eben besonders gut über Plattformen. Auch dabei kann man sich die Hilfe von Start-ups holen, etwa über Beteiligungen.

Auch das macht Vorwerk bereits seit Jahren mit einem eigenen Geschäftsbereich. So gehören unter anderem Anteile von „HelloFresh“ dazu – von dem das Familienunternehmen in Wuppertal viel in Sachen Plattform für den Thermomix gelernt haben dürfte. Auch dabei müssten bergische Unternehmen langsam wach werden, denn gerade die USA und China schießen mehr Kapital in Start-ups – inklusive zahlreicher Übernahmen.

Dirk Althaus machte darüber hinaus auf weitere Veränderungen aufmerksam – und fasste damit noch einmal vieles zusammen, was in den ersten fünf Zukunftssalons zum Teil thematisiert wurde, aber immer wieder fasziniert, weil es zeigt, welche Lawine die Veränderungen auslösen werden. So wird sich mit der Elektromobilität auch der Einsatz der Fahrzeuge verändern. Auf dem Land mag das nicht so schnell der Fall sein, aber in den Städten werden die Bewohner immer seltener ein eigenes Auto haben und nur dann dafür zahlen, wenn sie es auch nutzen.

Doch genau dabei müsse ein neues rechtliches Denken einsetzen, denn mit den neuen Nutzungsbedingungen muss geklärt werden, ob der Fahrzeughalter – wie derzeit – auch für alles haftet. Und wenn wir uns Fahrzeuge teilen, brauchen wir vielleicht auch keine Garagen mehr. Das bringt ganz neue Aspekte in Sachen Stadtentwicklung, Neubau und Umnutzung mit sich.

Für Unternehmer bedeutet die Digitalisierung vor allem, dass sich sowohl Entwicklungsprozesse als auch die Erprobungszeiten verkürzen werde, so Althaus. Dafür müssten neue Modelle entwickelt werden, um Sicherheitsstandards dennoch gewährleisten zu können. Eine Option könnten zum Beispiel mehr virtuelle Tests statt echter sein. Und auch dabei kommen wieder Unternehmen wie Netzkern ins Spiel, denn Althaus glaubt, dass sich die Wertschöpfung immer mehr in Richtung Datengeschäft und weg von den Automobilisten und Zulieferern verschieben werde.

Auch Althaus betont: Wer heute schon Netzwerke schaffe, und vor allem junge Firmen und Existenzgründer, auch aus anderen Branchen, mit ins Boot nehme, und darüber hinaus den Kontakt zur Bergischen Universität oder andere Bildungseinrichtungen suche, könne bessere Rahmenbedingungen schaffen, um nicht von anderen überholt zu werden.

Wie man es schafft, sich im Unternehmen neu zu justieren, weiß Hanno Gottschalk: Unternehmen müssten sich nur vorstellen, dass ihnen in drei Jahren kein Excel mehr zur Verfügung stehe. Dann müssten sie etwas tun – und seien damit schon auf dem richtigen Weg.

Was vielleicht nicht ganz ernst gemeint klingt, unterstreicht Gottschalk aber noch mit der Mahnung, dass gerade im Bereich Künstliche Intelligenz im Bergischen Land nicht viel passiere. Wer aber lerne, Daten auszuwerten und versuche, Künstliche Intelligenz zu verstehen, um sie für sich nutzen zu können, brauche gar nicht den Wust an Daten, den amerikanische Unternehmen wie Google und Co. sammelten.

Wer seine eigene Datenanalyse betreibe und dabei erkenne, welcher Algorithmus für welches Problem am sinnvollsten ist, bekomme tiefe Einsichten ins eigene Unternehmen. Wer Künstliche Intelligenz benutze, würde zwar nicht mehr so viel vom eigenen Unternehmen lernen, bekomme aber die bessere Analyse, so Gottschalk. Beide Wege sind gut – man muss sie nur gehen. Aber wo kommen die Fachkräfte her, die das können? Auch da reicht der Blick zur Bergischen Universität, die mit neuen Studiengängen auf einem guten Weg sei, betont der Professor. Anfangen könne man schon mit der Betreuung von Bachelor-Arbeiten im eigenen Unternehmen, eine Form, die bei Ingenieurwissenschaften schon lange üblich ist.

Silke Nasemann

Bergische Blätter Verlags GmbH


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